Museo Alpino Svizzero
ALPS AktivismusAlpinismus Nasim Eshqi 2

Interview

Klettern zwischen den Welten

Als erster Gast der neuen ALPS-Veranstaltungsreihe «AktivisumsAlpinismus» beeindruckte Nasim Eshqi die Zuschauer:innen in den vollbesetzten Rängen.

16. febbraio 2026

Nasim Eshqi macht den Fels zur Bühne. Ihre neu eröffneten Kletterrouten widmet sie internationalen Frauenbewegungen. Das Interview mit ihr wurde vor den jüngsten brutal unterdrückten Proteste um den Jahreswechsel 2025/26 geführt.

Nasim, du bist sowohl im Iran als auch in Europa geklettert. Was ist der grösste Unterschied?

Im Iran war Klettern für mich immer ein Weg, Menschen zu begegnen und sie zu verstehen. Die Gesellschaft war sehr geschlossen, aber am Fels öffneten sich die Menschen. Sie teilten mutig ihre Meinungen. In Europa erlebe ich oft das Gegenteil. Manchmal fühlt es sich so an, als würden die Menschen beim Klettern die Tür schliessen und nicht an andere denken – als würden sie sich in einen Käfig aus Felsen sperren. Die Menschen sind zurückhaltender und reservierter. Mir fehlt dieses Offenheit hier.

Das klingt, als hättest du in Europa eine gewisse Freiheit verloren, obwohl du hier eigentlich mehr Freiheiten hast.

Hier habe ich die Freiheit, meine Meinung zu sagen, mich frei zu äussern. Aber die Freiheit, die ich beim Klettern im Iran gespürt habe – Berge sind für mich ein Ort, um meinen Geist zu öffnen, nicht ihn zu verschließen – diese Freiheit fehlt mir manchmal.

Berge sind für mich ein Ort, um meinen Geist zu öffnen.

Im Frühling 2023 warst du in Bern und hast über die Situation und die Rechte der Frauen im Iran nach dem Tod von Mahsa Amini durch die iranische Sittenpolizei gesprochen. Seitdem ist viel passiert, und dein Projekt hat sich weiterentwickelt. Du bohrst Routen und benennst sie nach Protestbewegungen und Opfern von Femiziden. Davon hast du im November auch als Gast der Reihe «AktivismusAlpinismus» erzählt.

Was war für dich in den letzten zwei Jahren ein Wendepunkt?

Vor zwei Jahren hatte ich gerade ein neues Projekt begonnen und die erste Route gebohrt. Im September 2022 begannen die großen Proteste im Iran. Mir wurde bewusst, wie schnell sich Dinge verändern und wie rasch die mediale Aufmerksamkeit von einem Thema zum nächsten springt. Heute ist der Iran für die Medien nicht mehr interessant. Die Proteste werden ignoriert, die Aufmerksamkeit ist verschwunden. Aber Frauenrechte waren für mich schon seit meiner Kindheit wichtig. Das war immer in mir – nicht nur, weil Frauen protestierten. Das Feuer wurde nur noch stärker, weil wir uns gegenseitig motiviert haben.

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Foto: Fedor Kulikov

Und dann hast du beschlossen, deine Plattform anders zu nutzen?

Ja. Mir ist aufgefallen, dass mein Publikum in Europa grösser ist. Hier kann ich mehr Bewusstsein schaffen. Ich habe mein Leben immer mutig gelebt – vom Kickboxen bis zum Klettern. Ich habe Sponsoren verloren, Asyl in Italien beantragt; das hat mein Leben nicht einfacher gemacht. Aber jetzt habe ich eine grössere Plattform für meine Projekte. Und ich will diese nutzen. Es geht dabei nicht nur um Frauen im Iran. Wir brauchen jede Frau, die überall auf der Welt für Freiheit einsteht. Die Medien sind vielleicht nicht mehr so interessiert an Frauenrechten. Das ist egal. Ich bin eine Frau, und ich will über meine Rechte sprechen.

Deshalb benennst du deine Routen nach Frauenrechtsbewegungen?

Ja, absolut. Ich habe mein Projekt erweitert – von iranischen Frauen hin zu weltweiten Frauenrechtsthemen – und benenne meine Routen nach diesen Bewegungen. Wenn die Medien nicht darüber sprechen wollen, dann tue ich es. Denn ich glaube an die Kraft jeder einzelnen Stimme. Das ist mein Weg, konsequent zu bleiben.

Ist die Verbindung zwischen Klettern und deinem politischen Engagement für dich natürlich gewachsen?

Für mich waren sie nie getrennt. Sowohl als ich im Iran Frauen das Klettern beigebracht habe und als ich Kickboxen trainiert habe. Ich habe mich immer selbst verteidigt, körperlich gegen Gegner, beim Klettern gegen die Schwerkraft. Geist und Körper kämpfen zusammen. Und ich habe auch meinen Schülerinnen beigebracht, für ihre Rechte einzustehen. Aber in Europa sagen die Leute: «Oh, du bist jetzt Aktivistin geworden.» Und ich denke: Was soll das heissen? Weil ich eine Frau bin …?

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Foto: Moritz Latzka

Wie viel Raum gibt es in der europäischen Kletterszene für solche Themen?

Nicht viel. Es geht nicht nur ums Reden, sondern um Verhalten. Klettern und Berge waren schon immer ein männlich dominiertes Gebiet – das sieht man besonders am Verhalten von Old-School-Kletterern und Bergführern. Zum Glück gibt es heute mehr Frauen, die klettern und die zeigen, wie stark sie sind. Aber selbst im Westen, trotz der vorhandenen Freiheit, ist der weibliche Körper immer noch ein Tabu. Ein Beispiel: Männer klettern bei Hitze ganz selbstverständlich oben ohne. Frauen hingegen trauen sich dies oft nicht. Warum sollten Frauen das nicht genauso selbstverständlich tun dürfen? Für viele mag das kein grosses Thema sein, aber es ist ein Beispiel dafür, wie sich Frauen unwohl fühlen, sich genauso natürlich zu verhalten wie Männer. Wenn ich als Frau das Gefühl habe, mich nicht so ausdrücken zu können, wie ich möchte, dann hält mich das zurück. Rechte zeigen sich im Alltag – wenn Menschen erwarten, dass du dich auf eine bestimmte Weise verhältst. Nicht nur bei Protesten. Beim Klettern ist es genauso.

Du arbeitest an einer weiteren Route, und derzeit läuft eine Crowdfunding-Kampagne.

Ja. Grundsätzlich kann ich – wie früher – mehrere Routen ganz allein eröffnen, aber das würde viel länger dauern. Da ich mich stark für Frauenrechte einsetze und gleichzeitig versuche, mir ein neues Leben von Grund auf aufzubauen, verlangsamt mich das – zeitlich und finanziell. Menschen, die mich und mein Projekt, Frauen eine Stimme zu geben, unterstützen möchten, können über die Plattform spenden. Die Idee ist, jedes Jahr eine neue Route zu eröffnen. Das bedeutet ein starkes Echo für Frauenrechte. Ich hoffe, dass wir es gemeinsam möglich machen.


Das Interview wurde auf Englisch geführt und ins Englische übersetzt.

ALPS Portrait Nasim

Foto: Yannik Sütterlin

Die ALPS-Veranstaltungsreihe «AktivismusAlpinismus», bringt Bergsport und gesellschaftliches Engagement in Dialog. Nasim Eshqi war der erste Gast dieser Reihe und und beeindruckte die Zuschauer:innen in den vollbesetzen Rängen. Weitere Infos zur Veranstaltungsreihe gibt es hier.

Auf der Webseite von Nasim Eshqi finden sich auch Informationen dazu, um die Kletterin und Aktivistin zu unterstützen.