Museo Alpino Svizzero
ALPS Stories weiter klettern gipfel Nicole Ueli Steck online

Interview

Weiter klettern

Fast acht Jahre nach dem Tod des Speed-Kletterers Ueli Steck übergibt seine Frau dessen Nachlass ans ALPS und eröffnet eine Kletterhalle.

13. agosto 2025

Ueli Steck war für seine Speed-Besteigungen bekannt – am 30. April 2017 stürzt der Berner Oberländer während einer Trainingstour im Himalaya ab und stirbt. Fast acht Jahre nach dem Unfall findet seine Partnerin, Nicole Steck, wieder die Energie, mit Uelis Erbe Zukunft zu gestalten: Sie übergibt seinen Nachlass ans ALPS und eröffnet eine Kletterhalle.

Nicole Steck, du hast im Frühjahr 2025 in Interlaken eine Kletterhalle eröffnet. Sie heisst «Orbit», also etwa «Umlaufbahn» – ist das Andenken an Ueli Steck ihr Zentrum?
Im Orbit geht es um das Klettern, nicht um den Menschen «Ueli». Meine Vision war es, dass sich hier kletterbegeisterte Menschen treffen – aus Freude am gemeinsamen Sport, unabhängig von ihrem Können. Aber klar, die Gründung der Kletterhalle ist mit Ueli verbunden. Er war, unabhängig von seiner Rolle als Profi-Bergsteiger, Teil dieser lokalen Community.

 … der du dich auch selbst zugehörig fühlst?
Ueli und ich waren oft zusammen klettern, aber beide hatten wir auch immer verschiedene Freunde als Seilpartner. In der Zeit nach Uelis Unfall hat mir das Klettern so etwas wie Normalität vermittelt, dabei konnte ich all das Schwierige und Schmerzhafte für eine Weile ausblenden. Es waren viele Leute für mich da, mit denen ich diese wertvollen Stunden und Tage am Fels und in den Bergen verbrachte, das hat mich durch die schwere Zeit getragen. Klettern ist eine einfache Möglichkeit für soziale Kontakte, auch wenn einem die Kraft für die Initiative gerade fehlt. Mit Orbit sollte ein Begegnungsort entstehen – möglich wurde das auch durch das finanzielle Erbe von Ueli.

Ein Ort wie «Orbit» lässt etwas Neues aus dieser Erinnerung wachsen

Uelis Nachlass, den du dem ALPS übergeben hast, enthält rund sechs Terrabite an Bildern, Audios und Videos. Was ist das für Material?
Es sind vorwiegend Bilder von Profi-Fotograf:innen, die Ueli über weite Strecken begleiteten. Der Aufwand, solche Bilder zu erstellen, war damals spektakulär: Viele Aufnahmen wurden aus dem Helikopter gemacht, mit hohen Kosten pro Flugminute. Heute werden oft Drohnen oder KI-gesteuerte Handykameras eingesetzt. Das Geschäft der spezialisierten Alpinismus-Fotograf:innen ist komplett eingebrochen. Die Bilder sind auch in dieser Hinsicht ein Zeitdokument.

Welche Bedeutung hat es für dich, diesen Nachlass an das ALPS zu übergeben?
Es ist vor allem eine Erleichterung. Seit Uelis Unfall stehen die Computer mit dem digitalen Material bei mir zu Hause. Ich bin die einzige, die weiss, was hier lagert und die Passwörter kennt. Ueli hat so viele Menschen inspiriert. Ich möchte, dass seine Bedeutung für den Bergsport sichtbar und das Material für alle zugänglich wird. Ich wünsche mir, dass er junge Bersteiger:innen inspiriert.

80 E2931

Wie würdest du diese Bedeutung von Ueli für den Bergsport beschreiben?
Das kann ich nicht abschliessend beurteilen. Ueli war wohl konsequenter als andere. Er hat sich nicht «nur» an Alpinist:innen orientiert, sondern auch an anderen Leistungssportlern. Dario Cologna oder Viktor Röthlin haben ihn fasziniert. Er trainierte sehr systematisch und integrierte etwa früh auch eine Ernährungsberatung in sein Training. Ueli war ein Mensch, der sich selbst extrem gut einschätzen konnte. Was von aussen wild wirken mochte, war sehr gut geplant.

Ueli Steck war für seine Speed-Besteigungen bekannt. Einstige Rekorde von ihm sind unterdessen jedoch gefallen. Was löst das bei dir aus?
Ich freue mich für diese Bergsteiger – es sind tolle Leistungen und auch prägende Erlebnisse. Bergsteigen ist eine hoch komplexe Angelegenheit. Im Gegensatz zu anderen Sportarten wie z.B. Leichtathletik sind die Rahmenbedingungen nie die gleichen. Bei aller Vorbereitung und allem Training lassen sich die Verhältnisse und potenziellen Gefahren nie restlos voraussehen. Touren oder Expeditionen sind deshalb meiner Meinung nach nur bedingt vergleichbar – auch wenn offenbar ein Bedürfnis danach besteht.

Thumb Indien 2016 72 1 1024

Foto: Privates Archiv Nicole Steck

Hat sich dein eigenes Verhältnis zum Unkalkulierbaren, zum Risiko mit dem Tod von Ueli verändert?
Für mich hat sich nichts verändert. Was es mir gibt, in den Bergen zu sein, wiegt schwerer als die potenziellen Risiken. Ohne Ueli bin ich nicht mehr im gleichen Gelände unterwegs. Das Sportklettern ist wichtiger geworden, das Bergsteigen ist in den Hintergrund getreten. Ich habe keine «Bucketlist» an Gipfeln, die ich noch besteigen möchte. Auch wenn ich immer wieder in das Himalaya-Gebiet reise, dem ich mich sehr verbunden fühle.

Welche Bedeutung haben diese Orte für deine Erinnerung
an Ueli?
Ueli lebt in mir und all den Menschen weiter, die sich an ihn erinnern. Orte können diese Erinnerung aufleben lassen. Sie sind für mich nicht notwendig, ebensowenig wie bestimmte Erinnerungsrituale. Ein Ort wie «Orbit» lässt etwas Neues aus dieser Erinnerung wachsen. Darum geht es mir.

Thumb Indien 2016 59 1024

Foto: Privates Archiv Nicole Steck

Alle Bilder: Privates Archiv Nicole Steck

Die Aufarbeitung von Ueli Stecks Nachlass unterstützen
Ueli Steck kommt am 30. April 2017 bei einer Trainingstour im Himalaya ums Leben. Sieben Jahre später übergibt Nicole Steck seinen Nachlass ans ALPS. Er umfasst rund sechs Terrabite Daten: Fotografien, Audios, Videos, Trainingsdaten, Aufzeichnungen usw. Das Material wird zurzeit in der Sammlung des ALPS gesichert, analysiert und bewertet, um so den Aufarbeitungsprozess zu definieren. Ziel ist es, die Hinterlassenschaft eines der prägendsten Bergsteiger der 2000er Jahre einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dank der Unterstützung des Vereins Memoriav zur Erhaltung und Erschliessung des schweizerischen audiovisuellen Kulturgutes ist eine erste Phase des Aufarbeitungsprojekts finanziert. 


Für die Aufarbeitung des Nachlasses von Ueli Steck benötigt das ALPS zusätzlich finanzielle Mittel. Unterstützen Sie das Projekt Ueli Steck hier mit Ihrer Spende: alps.museum/ueli-steck

Mehr Informationen zu Nicole Stecks Kletterhalle: orbit-interlaken.ch